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Datum 02 / 2026

Gunnar Hopfe

Lesezeit 3 min

Warum IT dein Problem nicht löst

Ein Weckruf für Entscheider:innen in der Energiebranche

In strategischen Diskussionen rund um sinkende Marktanteile, langsame Go-to-Market-Prozesse oder überhöhte Betriebskosten fällt ein Begriff fast reflexhaft: Digitalisierung. 
IT-Systeme, Softwarelösungen und Plattformmodelle werden dabei schnell zur vermeintlichen Rettung erklärt – als Allzweckwaffe gegen strukturelle Probleme. Doch genau hier beginnt das Missverständnis: IT ist kein Heilsbringer. Sie ist Werkzeug, nicht Wegweiser.

Technologie folgt der Idee, nicht umgekehrt

Wer glaubt, ein IT-Projekt könne ein schlechtes Geschäftsmodell retten, setzt auf die falsche Karte. IT-Systeme sind keine Strategie, sie sind ihre technische Umsetzung. Ohne Klarheit über die eigenen Ziele, die Hürden auf dem Weg dorthin und die realen Anforderungen des Marktes bleibt jede technologische Lösung ein kostspieliges Experiment. Mehr noch: Sie verschärft oft die bestehende Lage. Prozesse, die vorher schon ineffizient waren, werden nun lediglich digital abgebildet – und damit in ihrer Dysfunktionalität verstetigt.

Digitalisierung am Kern vorbei

Ein typisches Szenario aus der Energiebranche: Ein Versorger investiert Millionen in ein neues Kundenportal, um die Abwanderung von Privatkunden zu stoppen. Die Technik funktioniert, das Interface ist state-of-the-art – aber der Kundenzugang bleibt gering. Warum? Weil nicht verstanden wurde, was die Kunden eigentlich erwarten. Die IT hat geliefert, was bestellt wurde – aber nicht, was gebraucht wurde. Das Problem lag nicht im Code, sondern in der fehlenden strategischen Vorarbeit.

Energieunternehmen brauchen Strategieklarheit, keine Softwareträume

Gerade in der Energiebranche, wo Margen unter Druck stehen und die Marktmechanismen sich rasant verändern, ist der technologische Reflex gefährlich. Digitalisierung darf nie zum Selbstzweck werden. Sie muss gezielt auf belastbare, strategisch hergeleitete Ziele einzahlen – und sich dabei in die Realität der Organisation einfügen. Wer glaubt, mit einem Softwareprojekt Effizienz, Marktanteil oder Innovationskraft zu kaufen, zahlt am Ende doppelt: in Geld und in verlorener Zeit.

Studien wie die von Brynjolfsson & McAfee („The Second Machine Age“) und Porter & Heppelmann („How Smart, Connected Products Are Transforming Competition“) belegen diesen Zusammenhang empirisch. Technologie entfaltet ihren Wert nur im Rahmen einer klaren strategischen Zielsetzung – nicht als Ersatz dafür.

Erst denken, dann digitalisieren

Als CEO, COO oder Vertriebsleiter:in sollten man hellhörig werden, wenn IT als Antwort auf strategische Herausforderungen präsentiert wird. Stattdessen sollte man fragen: 
Was ist das eigentliche Problem? 
Welche Ziele wollen wir erreichen? 
Und: Welche strukturellen Hürden stehen uns im Weg?

Technologie ist mächtig – wenn sie in den richtigen Händen liegt. Aber sie löst keine Probleme, die wir nicht vorher sauber benannt haben. Digitalisierung ist kein Shortcut zur Lösung. Sie ist der letzte Schritt – nicht der erste.

Quellenverzeichnis

  • Brynjolfsson, E., & McAfee, A. (2014). The Second Machine Age.
  • Porter, M. E., & Heppelmann, J. E. (2014). How Smart, Connected Products Are Transforming Competition. Harvard Business Review.