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Datum 02 / 2026

Gunnar Hopfe

Lesezeit 4 min

Was, wenn Apps und Frontends gar nicht mehr existieren?

Das Zeitalter der Ephemeral Apps

Wir entwickeln seit 15 Jahren Software für Energieunternehmen. Der Löwenanteil der Lebenszykluskosten floss in Pflege, Re-Designs und Regression-Tests von Oberflächen. Zugleich steigt der Druck, kontextrelevante Einblicke in Sekunden zu liefern. Genau hier setzt eine neue Praxis an: Ephemeral Apps.

In klassischen ERP-Landschaften heißt ein banaler Vorgang – etwa eine Bedarfsanforderung, eine kurzfristige Produktionsanpassung oder eine Ad-hoc-Liquiditätsprognose – noch immer: Modul auswählen, Maske laden, Pflichtfelder füllen, Freigabepfade starten. Bald beginnt derselbe Ablauf völlig anders: „250 ISO-Drucksensoren für Werk 4, Liefertermin KW 38, Budget 18 000 €; zeig mir die Auswirkungen auf den Cashflow.“ – ein einziger Intent, ganz gleich ob getippt, getoucht, per API, aus dem E-Mail-Kontext oder von der Smartwatch gesendet.

Innerhalb von Millisekunden materialisiert sich ein temporäres Interface – vielleicht als AR-Overlay auf der Shopfloor-Konsole, als Widget im Mail-Client oder als Kartenfragment im In-Car-Display des Werksleiters. Es bringt die relevanten Lieferanten, Preisstaffeln, Vertragsklauseln, Budget-Salden und Freigabeschritte bereits vorsortiert mit, lässt sich finalisieren, kommentieren, delegieren. Sobald die Entscheidung gefallen ist, zerfällt das UI wieder: Bestellung, Buchung, Tracking und Reporting laufen unsichtbar weiter. Frontends entstehen situativ auf jedem Gerät, in jeder Modalität – reine Erscheinungen im Daten-Moment, nicht dauerhafte Software-Artefakte. Large-Language-Model-Agenten kombinieren Gedächtnis, Planung und Tool-Nutzung. Was entsteht, ist eine Agentic Experience (AX) – eine Beziehung, kein Interface mehr.

Beziehung statt Design

Seit anderthalb Jahrzehnten kuratieren wir bei FSE Datenströme für Energieversorger, bauen rollen-spezifische Dashboards, patchen Buttons, pflegen Design Libraries – und setzen damit implizit eine Welt voraus, in der der Mensch initiiert und die Software reagiert. Dieses Paradigma kippt. Large-Language-Modelle mit Retrieval-Augmented-Generation und Tool-Use erzeugen Ansichten im Moment des Bedarfs. Die kognitive Last sinkt, weil das System Initiative übernimmt [Horvitz 1999]. Was früher „Personalization“ hieß – meist farblich abgestimmte Kacheln – wird zur Agentic Experience (AX): Beziehung statt Bildschirm.

UX-Spezialist:innen werden nicht obsolet, doch ihr Handwerk verlagert sich von Pixelperfektion zu Policy- und Verhaltensdesign: Welchen Kontext darf der Agent nutzen? Welche Audit-Spuren sind nötig? Welches Feedback ist erklärbar genug, ohne zu überfordern? Das ist tougher als Farbpaletten abzunehmen – aber auch wirkungsvoller.

Frontend-Fetisch ist so 2020

Warum halten wir eine Einbahnstraße aufrecht, wenn Agenten Daten, Rollen und Präferenzen situativ kombinieren können? UX in seiner klassischen Form ist eine statische Momentaufnahme – AX dagegen eine fluide Konversation. Das macht den Inkremental-Pfad „noch ein Button, noch ein Report“ ökonomisch unsinnig. Die UI ist disposable, Daten-Governance und Agent-Safety bleiben dauerhaft. Das spart Frontend-Aufwand, beschleunigt Time-to-Insight und senkt Abbruchquoten [Koyuncu 2025; Bernhard 2024].

Strategischer Hebel für Energie-IT

  • CAPEX: Monolithische Relaunches à la „Wir migrieren auf Version X des Design-Systems“ entfallen.
  • OPEX: Maintenance-Teams verschieben Kapazität von UI-Bugfixes hin zu Datenqualität und Modell-Monitoring – ein Kostenhebel, der in etablierten Versorgern schnell siebenstellige Größenordnungen erreicht.
  • Lock-in & Wettbewerbsvorteil: Wer heute beginnt, AX-fähige Daten- und Rechte-Architekturen aufzubauen, schafft eine Lernkurve, die sich kaum kopieren lässt. Anders gesagt: Das eigentliche IP wandert von Screens zu Policies und Feedback-Loops [Agrawal 2024; Kobetz 2023].
  • Für Entscheider:innen heißt das: Zero-UI wird der neue Hygiene-Faktor. Wenn Konkurrenten in Sekunden kontextrelevante Einblicke liefern, wirkt ein konventionelles Dashboard wie ein Faxgerät neben einem Smartphone.

Vom Klick-Dogma zur Dialog-Kultur

Ephemeral Apps sind kein futuristischer Luxus, sie sind die ökonomische Konsequenz aus verfügbarer Technologie und steigendem Zeitdruck. LLMs können bereits heute dynamische GUIs erzeugen [Peterson 2023], hybride Overlays mit klassischen Screens sind Übergangslösungen [Ekenstam 2023].

Wer jetzt AX-first denkt, sichert sich drei Vorteile:

  • Kostenstruktur: Weniger Code-Oberfläche, mehr Wertschöpfung in Daten und Modellen.
  • Geschwindigkeit: Releases werden zu kontinuierlichen Verbesserungen, nicht zu Projektphasen.
  • Talent: Fachkräfte wollen an zukunftsfesten Architekturen arbeiten, nicht an UI-Refactoring-Schleifen.

Die Frage ist also nicht, ob Zero-UI Standard wird, sondern wann Ihr Wettbewerber es zeigt. Entscheider:innen, die heute noch UI-Roadmaps bis 2030 planen, sollten eine Gegenfrage zulassen: Was, wenn Apps gar nicht mehr existieren?

Quellenverzeichnis

  • Agrawal, S. (2024): The Next Big AI-UX Trend.
  • Bernhard, T. (2024): The Ephemeral Interface.
  • Ekenstam, L. (2023): The Post-GPT Software Era.
  • Horvitz, E. (1999): Principles of Mixed-Initiative Interaction.
  • Kobetz, M. (2023): Decoding The Future: Intelligent Interfaces.
  • Koyuncu, H. (2025): What If Apps Didn’t Exist? Meet Ephemeral UI.
  • Peterson, J. (2023): Dynamic, Ephemeral GUIs – Fighting Software Bloat.