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Was, wenn Apps und Frontends gar nicht mehr existieren?
Das Zeitalter der Ephemeral Apps

In klassischen ERP-Landschaften heißt ein banaler Vorgang – etwa eine Bedarfsanforderung, eine kurzfristige Produktionsanpassung oder eine Ad-hoc-Liquiditätsprognose – noch immer: Modul auswählen, Maske laden, Pflichtfelder füllen, Freigabepfade starten. Bald beginnt derselbe Ablauf völlig anders: „250 ISO-Drucksensoren für Werk 4, Liefertermin KW 38, Budget 18 000 €; zeig mir die Auswirkungen auf den Cashflow.“ – ein einziger Intent, ganz gleich ob getippt, getoucht, per API, aus dem E-Mail-Kontext oder von der Smartwatch gesendet.
Innerhalb von Millisekunden materialisiert sich ein temporäres Interface – vielleicht als AR-Overlay auf der Shopfloor-Konsole, als Widget im Mail-Client oder als Kartenfragment im In-Car-Display des Werksleiters. Es bringt die relevanten Lieferanten, Preisstaffeln, Vertragsklauseln, Budget-Salden und Freigabeschritte bereits vorsortiert mit, lässt sich finalisieren, kommentieren, delegieren. Sobald die Entscheidung gefallen ist, zerfällt das UI wieder: Bestellung, Buchung, Tracking und Reporting laufen unsichtbar weiter. Frontends entstehen situativ auf jedem Gerät, in jeder Modalität – reine Erscheinungen im Daten-Moment, nicht dauerhafte Software-Artefakte. Large-Language-Model-Agenten kombinieren Gedächtnis, Planung und Tool-Nutzung. Was entsteht, ist eine Agentic Experience (AX) – eine Beziehung, kein Interface mehr.
Beziehung statt Design
Seit anderthalb Jahrzehnten kuratieren wir bei FSE Datenströme für Energieversorger, bauen rollen-spezifische Dashboards, patchen Buttons, pflegen Design Libraries – und setzen damit implizit eine Welt voraus, in der der Mensch initiiert und die Software reagiert. Dieses Paradigma kippt. Large-Language-Modelle mit Retrieval-Augmented-Generation und Tool-Use erzeugen Ansichten im Moment des Bedarfs. Die kognitive Last sinkt, weil das System Initiative übernimmt [Horvitz 1999]. Was früher „Personalization“ hieß – meist farblich abgestimmte Kacheln – wird zur Agentic Experience (AX): Beziehung statt Bildschirm.
UX-Spezialist:innen werden nicht obsolet, doch ihr Handwerk verlagert sich von Pixelperfektion zu Policy- und Verhaltensdesign: Welchen Kontext darf der Agent nutzen? Welche Audit-Spuren sind nötig? Welches Feedback ist erklärbar genug, ohne zu überfordern? Das ist tougher als Farbpaletten abzunehmen – aber auch wirkungsvoller.
Frontend-Fetisch ist so 2020
Warum halten wir eine Einbahnstraße aufrecht, wenn Agenten Daten, Rollen und Präferenzen situativ kombinieren können? UX in seiner klassischen Form ist eine statische Momentaufnahme – AX dagegen eine fluide Konversation. Das macht den Inkremental-Pfad „noch ein Button, noch ein Report“ ökonomisch unsinnig. Die UI ist disposable, Daten-Governance und Agent-Safety bleiben dauerhaft. Das spart Frontend-Aufwand, beschleunigt Time-to-Insight und senkt Abbruchquoten [Koyuncu 2025; Bernhard 2024].
Strategischer Hebel für Energie-IT
- CAPEX: Monolithische Relaunches à la „Wir migrieren auf Version X des Design-Systems“ entfallen.
- OPEX: Maintenance-Teams verschieben Kapazität von UI-Bugfixes hin zu Datenqualität und Modell-Monitoring – ein Kostenhebel, der in etablierten Versorgern schnell siebenstellige Größenordnungen erreicht.
- Lock-in & Wettbewerbsvorteil: Wer heute beginnt, AX-fähige Daten- und Rechte-Architekturen aufzubauen, schafft eine Lernkurve, die sich kaum kopieren lässt. Anders gesagt: Das eigentliche IP wandert von Screens zu Policies und Feedback-Loops [Agrawal 2024; Kobetz 2023].
- Für Entscheider:innen heißt das: Zero-UI wird der neue Hygiene-Faktor. Wenn Konkurrenten in Sekunden kontextrelevante Einblicke liefern, wirkt ein konventionelles Dashboard wie ein Faxgerät neben einem Smartphone.
Vom Klick-Dogma zur Dialog-Kultur
Ephemeral Apps sind kein futuristischer Luxus, sie sind die ökonomische Konsequenz aus verfügbarer Technologie und steigendem Zeitdruck. LLMs können bereits heute dynamische GUIs erzeugen [Peterson 2023], hybride Overlays mit klassischen Screens sind Übergangslösungen [Ekenstam 2023].
Wer jetzt AX-first denkt, sichert sich drei Vorteile:
- Kostenstruktur: Weniger Code-Oberfläche, mehr Wertschöpfung in Daten und Modellen.
- Geschwindigkeit: Releases werden zu kontinuierlichen Verbesserungen, nicht zu Projektphasen.
- Talent: Fachkräfte wollen an zukunftsfesten Architekturen arbeiten, nicht an UI-Refactoring-Schleifen.
Die Frage ist also nicht, ob Zero-UI Standard wird, sondern wann Ihr Wettbewerber es zeigt. Entscheider:innen, die heute noch UI-Roadmaps bis 2030 planen, sollten eine Gegenfrage zulassen: Was, wenn Apps gar nicht mehr existieren?
Quellenverzeichnis
- Agrawal, S. (2024): The Next Big AI-UX Trend.
- Bernhard, T. (2024): The Ephemeral Interface.
- Ekenstam, L. (2023): The Post-GPT Software Era.
- Horvitz, E. (1999): Principles of Mixed-Initiative Interaction.
- Kobetz, M. (2023): Decoding The Future: Intelligent Interfaces.
- Koyuncu, H. (2025): What If Apps Didn’t Exist? Meet Ephemeral UI.
- Peterson, J. (2023): Dynamic, Ephemeral GUIs – Fighting Software Bloat.